Der Tod ist ein Portal

Lebend kom­men wir zwar nicht davon, aber wenn wir ster­ben, ist es noch lan­ge nicht vorbei.

Das Uni­ver­sum ver­schwen­det nichts, alles ver­än­dert nur sei­ne Form und geht in einen ande­ren Zustand über.

Da Ener­gie nicht ster­ben kann und auch wir Men­schen aus Ener­gie bestehen, müs­sen wir nach unse­rem Tod noch irgend­wo sein. Unser Kör­per, das Trans­port­mit­tel unse­rer See­le, mag ver­rot­ten, unse­re See­le jedoch löst sich nicht ein­fach auf.

Burg­ge­län­de Teck­len­burg (Foto: San­dra Bar­bo­sa da Silva)


Doch wo sind wir dann?

Wenn wir das alle so genau wüss­ten, hät­ten wir kei­ne Angst mehr. Uns wäre klar, dass der Tod eine wich­ti­ge Lebens­pha­se ist, der wir den nöti­gen Respekt zol­len soll­ten. Die meis­ten Men­schen sagen zwar, dass er „zum Leben dazu­ge­hört“, aber genau­ge­nom­men akzep­tie­ren sie ihn nicht. Sie ver­drän­gen das Unver­meid­li­che – man hat ja noch so viel Zeit … Und so ver­schiebt man die Aus­ein­an­der­set­zung mit die­sem Gedan­ken auf ein unbe­kann­tes Spä­ter. Vor­be­rei­tet oder nicht, er kommt immer plötzlich. 

Wir hal­ten ihn oft für sinn­los.

Aber er ergibt nur so lan­ge kei­nen Sinn, wie wir die Natur­ge­set­ze dahin­ter nicht ver­ste­hen. Wer sich nicht im Lau­fe sei­nes Lebens gründ­lich mit dem Tod aus­ein­an­der­setzt, den trifft er spä­ter wie ein Keu­len­schlag. Selbst die­je­ni­gen, die vor­her der Mei­nung waren, sie hät­ten kei­ne Angst vor ihm, bereu­en spä­tes­tens auf dem Ster­be­bett die­sen Gedan­ken und wür­den das Rad ger­ne noch ein­mal zurück­dre­hen. Leben wir also so, dass wir jeder­zeit zum Ster­ben bereit sind und im Nach­hin­ein nichts bereu­en oder das Gefühl haben müs­sen, etwas noch nicht erle­digt zu haben.

Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter.

Unse­re Kör­per­zel­len haben eine inne­re Ablau­fuhr, der Zell­tod ist in jeder von ihnen ent­hal­ten. Das ist gut so und not­wen­dig – andern­falls könn­ten sich unse­re Zel­len nicht immer wie­der erneu­ern. Eine Zel­le hat, wie so vie­les ande­re, ein Halt­bar­keits­da­tum. Ist die­ses erreicht oder wur­de sie auf ande­rem Weg geschä­digt, muss sie ent­sorgt wer­den. Das erle­digt unse­re kör­per­ei­ge­ne Müll­ab­fuhr. Zir­ka alle acht Mona­te erneu­ert man sei­nen Kör­per nach den gene­ti­schen Vor­la­gen, die in den Zel­len gespei­chert sind. Die neu­en Zel­len sind Kopien ihrer Vor­gän­ger, das bedeu­tet, wenn Krank­hei­ten dar­in ver­an­kert sind, wer­den auch die­se wie­der kopiert. Ob mit oder ohne Krank­heits­in­for­ma­ti­on – wir tra­gen also den täg­li­chen Zell­tod immer mit uns her­um. Es wäre schlecht für uns, wenn ver­brauch­te Zel­len nicht ent­sorgt wer­den könn­ten, denn dann wür­de unser Kör­per nicht mehr rich­tig funk­tio­nie­ren, Krank­hei­ten ent­stün­den und wir wür­den viel­leicht zu früh sterben.

Vie­le klei­ne Tode beglei­ten uns somit jeden Tag.

Sie sor­gen für die Gesund­erhal­tung unse­res Kör­pers, unse­res Trans­port­mit­tels durch die­ses Leben.
Ist der gan­ze Kör­per eines Tages soweit, dass eine Erneue­rung kei­nen Sinn mehr ergä­be, ereilt uns der gro­ße Tod und der Kör­per muss ster­ben. Es ist also sinn­voll, den eige­nen Kör­per wie einen Tem­pel zu betrach­ten und ihn stets sau­ber und gesund zu erhal­ten. Unser Auto pfle­gen wir schließ­lich auch – dabei ist der Kör­per ist unser pri­mä­res Fortbewegungsmittel.

Jahreszeiten des Lebens

Alles in der Natur unter­liegt bestimm­ten Zyklen, auch unser Leben. Tag und Nacht, Ebbe und Flut, die Jah­res­zei­ten, der Mens­trua­ti­ons­zy­klus der Frau, eine Schwan­ger­schaft. Wenn wir genau hin­schau­en, ent­de­cken wir einen Zyklus in allem.
Wir wer­den gebo­ren, kom­men in die Puber­tät (Früh­ling) und wer­den geschlechts­reif, grün­den viel­leicht eine Fami­lie (Som­mer). Mit zuneh­men­dem Alter wird man rei­fer, die Weis­heit kommt, aber der Kör­per baut schon wie­der ab (Herbst). Wie eine Pflan­ze auf dem Acker ver­geht auch unser Körper.

Er stirbt, um sich nach einer lan­gen Pha­se des Aus­ru­hens – dem Tod – in einem neu­en Kör­per mit neu­en Auf­ga­ben wie­der ins Ren­nen zu stür­zen (Win­ter).

Das­sel­be kann man auf jede Situa­ti­on über­tra­gen. Neh­men wir eine Berufs­aus­bil­dung: Zunächst bekommt man in der Schu­le eine Grund­aus­bil­dung, bevor man sich einen Schwer­punkt aus­sucht und sei­nen Schul­ab­schluss macht. Man beginnt ent­we­der eine Fach­aus­bil­dung oder ein Stu­di­um und erwirbt einen wei­te­ren Abschluss, bevor man reif für den Beruf ist. Dort arbei­tet man sich zunächst ein und betreut viel­leicht irgend­wann selbst Aus­zu­bil­den­de. Eines Tages kommt dann der „Lebens­abend“ Rentenalter. 

Auch die Ent­wick­lung der Mensch­heit unter­liegt den glei­chen Zyklen – selbst wenn wir bereits Tau­sen­de von Jah­ren auf der Erde woh­nen, sind wir noch lan­ge nicht an unse­rer Senio­ren­zeit ange­kom­men. Schaut man sich die west­li­che Gesell­schaft an, sind wir höchs­tens gera­de dabei, aus der Puber­tät herauszuwachsen.

Zwi­schen den ein­zel­nen Pha­sen fin­det ganz viel Leben statt, das aus­ge­kos­tet wer­den möchte. 

Zu viel Zeit ver­plem­pern wir mit unwich­ti­gen Din­gen, die uns nicht vor­an­brin­gen. Auch kür­ze­re Situa­tio­nen bestehen aus Geburt, Rei­fe und Tod. Jede Ent­schei­dung führt uns an eine T‑Kreuzung, an der ent­we­der der eine oder der ande­re Gedan­ke ster­ben muss, damit wir vor­an­schrei­ten kön­nen.
Wenn wir eine Idee haben, muss die­se erst in uns rei­fen, bevor wir sie in die Tat umset­zen und die Früch­te ern­ten kön­nen. Hat sie aus­ge­dient, stirbt die Idee oder bes­ser gesagt das, was aus ihr gewor­den ist. Sie macht neu­en Ideen Platz.

Initiationen

Die­se ein­zel­nen Sta­tio­nen in unse­rem Lebens-Jah­res­zei­ten-Sze­na­rio kön­nen wir auch als Initia­tio­nen bezeich­nen; jede ein­zel­ne Pha­se hebt uns auf das nächs­te Level unse­rer per­sön­li­chen Ent­wick­lung. Danach ist unser Leben nie wie­der das glei­che wie vor­her – das alte muss für das neue ster­ben. Wir haben unse­re Auf­ga­be gelernt und dür­fen wei­ter­ma­chen. So been­det der Beginn der Puber­tät unse­re Kind­heit, eine Hoch­zeit been­det unser Sin­gle­da­sein und bringt ganz neue Auf­ga­ben und Ver­pflich­tun­gen mit sich. 

Auch der Tod ist eine Initiation. 

Wir reflek­tie­ren unser gan­zes Leben noch ein­mal, schau­en uns an, was wir gelernt haben, wen wir geliebt oder gehasst haben – aber auch, wem wir ver­zei­hen müs­sen oder wen wir um Ver­zei­hung bit­ten müs­sen. Wir zie­hen Bilanz. Danach geht es wei­ter, durch das Por­tal Tod auf die ande­re Sei­te hin­ter dem Vor­hang, wo wir uns aus­ru­hen dür­fen, bevor wir mit einem neu­en Plan in ein neu­es Leben starten.

Traumwelt / Jenseits

Wie kom­men wir nun hin­über auf die ande­re Sei­te und anschlie­ßend in das nächs­te Leben? Der Ster­be­vor­gang ist nichts ande­res als der Geburts­vor­gang; bei­des kann schnell oder lang­sam gehen und ist mehr oder min­der mit Schmer­zen ver­bun­den. Bei­de Vor­gän­ge jedoch brin­gen uns hin­über in die jeweils ande­re Welt.
Wenn wir Angst vor dem Tod haben, müss­ten wir genau­so Angst vor der Geburt haben. Viel­leicht haben wir das ja auch, aber wir erin­nern uns nicht mehr.

Nur, weil du dich nicht erin­nerst, heißt es nicht, dass etwas nicht vor­han­den ist. 

Erin­nerst du dich an die ers­ten drei Jah­re die­ses Lebens oder an die neun Mona­te im Mut­ter­leib? – Ver­mut­lich nicht, aber du wür­dest nie abstrei­ten, dass die­se Zeit in dei­nem Lebens­lauf exis­tiert.
Du wirst fra­gen: „Wo genau ist nun also das ‚Jen­seits‘? Wie muss ich es mir vorstellen?“

Gegen­fra­ge: Wenn du träumst, wo bist du dann? – Die nicht-kör­per­li­che Welt ist genau dort. 

Jede Nacht bist du auf der ande­ren Sei­te unter­wegs, ob du dich an dei­ne Träu­me erin­nerst oder nicht. Du ruhst dich aus, ver­ar­bei­test Din­ge oder wagst einen Blick in die Zukunft. Mög­li­cher­wei­se kehrst du mit neu­en Impul­sen von dei­nen nächt­li­chen Aus­flü­gen zurück. Wenn die Nacht stirbt und dem neu­en Tag Platz macht, ste­hen dir erneut alle Mög­lich­kei­ten offen.

Wir sind jeden Tag von vie­len klei­nen Toden umge­ben, er ist unser stän­di­ger Beglei­ter. Er sorgt dafür, dass alles sei­nen natür­li­chen Weg nimmt. 

Auf eine Art beruhigend.


von San­dra Bar­bo­sa da Silva

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